Asyl in Mönchengladbach
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Syrer erfinden das Rad neu

Besuch in der Fahrradreparatur-Werkstatt Mülfort St. Paul am 15.08.2016

Von Ruth Hobus

Syrische Flüchtlinge haben viel zu geben

Im Sommer 2015 kamen viele Menschen auf der Flucht zu uns nach Deutschland. Diese Welle bewegte unser Land, und unzählige Bürger stampften spontan ehrenamtliche Initiativen aus dem Boden, um ihren Teil zur Bewältigung der Situation beizutragen. Es war zu dieser Zeit, als Manfred Buntfuß aus einem ausgelaufenen Projekt 20 gebrauchte, reparaturbedürftige Fahrräder angeboten wurden. Zugleich gab es im Pfarrhaus St. Paul an der Altenbroicher Straße freie Kellerräume. Und am Römerbrunnen, wo viele Bedürftige wohnen, bestand immer Bedarf an Rädern für kleines Geld.

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Die Gleichung war einfach: Fahrrad + Keller + Bedürftige = Fahrradwerkstatt für Bedürftige.

 

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Also holte sich Manfred Buntfuß vom Kirchenvorstand St. Paul Mülfort die Unterstützung und gründete eine Werkstatt, in der die alten Räder verkehrstüchtig gemacht und dann für einen ganz kleinen symbolischen Preis an die Bedürftigen der Gemeinde (GdG Giesenkirchen-Mülfort) abgegeben werden sollten. Über das Bürgerzentrum „BÜZ“ Römerbrunnen und den Leiter Toni Trapp suchte er Kontakt zu potentiellen Mitstreitern unter den Bewohnern des Römerbrunnens. Schnell hatte er ein kleines Team aus syrischen Männern beisammen, die seither ehrenamtlich mit Manfred Buntfuß helfen. Seit Ende 2015 wird regelmäßig gemeinsam geschraubt. Ca. 100 gespendete Räder konnten seither fertiggestellt und weitergegeben werden. Ist mal eines defekt, wird es in der Werkstatt in St. Paul auch zum Selbstkostenpreis repariert.

Abdalnafe Arfali ist seit Sommer 2015 in Deutschland, er war viele endlose Tage mit Frau und drei Kindern aus Syrien zu Fuß unterwegs. In seiner Heimat war er Aufzugstechniker, und wenn man ihn beim Schrauben an dem Rad sieht, das im Keller des Pfarrhauses von der Decke hängt, erkennt man die ruhige, erfahrene Hand. Er wartet noch – auf Anerkennung, auf Deutschkurse, auf eine Perspektive. Seine Kinder gehen zur Schule, lernen viel und bekommen gute Beurteilungen, das macht ihn froh. Untätig zu sein, ist nicht seine Welt. Deswegen macht er sich gern bei den anderen Bewohnern im Römerbrunnen nützlich; man kennt ihn dort als hilfsbereiten Mann für alle handwerklichen Aufgaben. Die Fahrradwerkstatt ist genau das Richtige für ihn: Eine Tätigkeit, bei der er sein Können einsetzen kann und die der Gesellschaft nutzt, in der er lebt. Sein Freund Masud Ali und er erzählen gemeinsam von den Fahrrädern am Römerbrunnen:

„Anfangs wurden viele Räder am Römerbrunnen geklaut. Aus Not, und weil man davon einfach ausging, dass sie ja auch geklaut waren. Seit wir die Werkstatt haben und ordentliche Räder billig anbieten können, ist es viel besser geworden. Wir markieren die Räder, machen ein Bild vom neuen Besitzer und dem Rad und stellen damit einen Eigentumsnachweis aus. Damit haben wir schon so manchen Dieb überführt. Das spricht sich rum, und jetzt wird kaum noch geklaut.“

Die Initiative kann noch Unterstützung brauchen:

• Fahrräder, die noch (halbwegs) verkehrssicher sind, werden nach Rücksprache gern beim Spender besichtigt und abgeholt. Aus Platzgründen werden derzeit keine Schrotträder zum Ausschlachten mehr angenommen und überzählige Räder werden an andere Initiativen in MG weitergegeben.

• Unfallfreie Fahrradhelme und Kindersitze sowie Fahrradkörbe und weiteres Fahrradzubehör können gespendet werden.
• Unternehmen oder Privatpersonen, die sich finanziell engagieren möchten, können das Spendenkonto Katholische Pfarrgemeinde nutzen: IBAN: DE 89 310 50000 0000 177 667 Stichwort: Paullädchen-Fahrradkeller

Die Katholische Pfarrgemeinde Giesenkirchen stellt bei Bedarf auch Spendenquittungen aus. Dazu sollte die Überweisung die volle Adresse des Spenders tragen. Rechnungen für Sachspenden von Firmen sollten den Vermerk tragen „wird als Sachspende verbucht“.
Kontakt für Sachspenden und weitere Informationen:

E-Mail : paullaedchen-muelfort@online.de / Telefon: 02166/120247

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Masud Ali kommt aus Syrien. Er hat dort Restaurants und Kiosks im Großraum Damaskus betrieben und auf diese Weise seine Frau und Tochter gut ernähren können. Im Bürgerkrieg wurde nach und nach alles zerstört, wovon die Familie lebte: „Meine Häuser, meine Restaurants, meine Kiosks – alles kaputt!“, erzählt er. Irgendwann gab es nur noch einen Ausweg: „Weg hier!“. Für alle drei war nicht genug Geld da, also machte sich Masud Ali allein auf den Weg über die Balkanroute nach Deutschland. Er hatte Glück, kam unversehrt im März 2015 an und hat inzwischen auch seine Anerkennung als Kriegsflüchtling.

„Ich habe so viele Sorgen. Meine Frau ist schwer krank, ich möchte sie gern herholen, aber es klappt nicht, die Bürokratie!! Im Moment arbeite ich stundenweise als Aushilfe in einem Imbiss. Aber das reicht nicht. Ich kann viel: Ich war Frisör, kann LKW und Radlader fahren, ich habe Restaurants geführt. Kürzlich habe ich ein Praktikum bei einem Garten- und Landschaftsbauer gemacht, der hätte mich genommen. Aber wegen der Arbeitszeiten und Einsätze in anderen Städten hätte ich dann nicht mehr zum Deutschunterricht gehen können. Und die Sprache zu lernen, das ist erst mal das Wichtigste. Ich kann schon ganz gut Deutsch sprechen, aber Lesen oder Schreiben geht noch nicht so gut. Ich will richtig arbeiten und kein Geld vom Jobcenter mehr bekommen, das brauchen andere dringender. Am liebsten möchte ich wieder ein Restaurant aufmachen, das liegt mir am meisten. Ich möchte alles richtig machen, dann habe ich auch keine Probleme mit den Menschen hier. Zuletzt hatte ich einen Unfall mit dem Fahrrad. Ein Auto hat mir die Vorfahrt genommen. Was habe ich für ein Glück gehabt! Keine Knochen gebrochen, nur ein paar Prellungen. Die Polizei hat schnell festgestellt, dass ich nicht schuld war, sie hat mich gut behandelt.“

Ahmad Brzani ist der dritte im Bunde. Er lebt seit Anfang 2015 in Deutschland. Auch er kommt aus Syrien. Er ist alleinstehend und muss sich um niemanden Sorgen machen – aber er ist auch einsamer als die beiden Familienväter im Team. Er war Maler und wartet auch noch auf seine Anerkennung und darauf, dass es für ihn weitergeht. Es spricht ähnlich gut Deutsch wie Masud Ali, ist etwas stiller, aber ebenso engagiert. Wie die beiden anderen ist auch er über die Fahrradwerkstatt hinaus noch drei Mal in der Woche mit helfender Hand dabei, wenn im Pfarrhaus das „Paul(l)ädchen“ geöffnet ist, wo Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden.

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Es ist eine angenehme und freundschaftliche Atmosphäre in der Werkstatt. Man spürt, dass sich Manfred Buntfuß und die drei Zuwanderer über das Handwerkliche hinaus mögen und respektieren. Jeder hat seine Fähigkeiten und wird dafür anerkannt. „Als Schrauber-Team sind wir komplett, an der Stelle brauchen wir keine Verstärkung. Was uns fehlt, sind brauchbare Räder, die wir mit vertretbarem Aufwand verkehrssicher machen können. Auch Ersatzteile, Helme, Kindersitze und Zubehör nehmen wir gerne“, so Manfred Buntfuß.

 

 

 

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