Asyl in Mönchengladbach
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Prototyp oder eine Frage des Lerntyps? Unterschiede von Sprachlerntypen zwischen jung und alt

Die Entdeckung des Homo Pragmaticus

lerntypTalai und Mohanet, Vater und Sohn, aus Hasaka in Syrien sind im selben Deutschkurs, nutzen aber ganz andere Wege, um Deutsch zu lernen. Sie kommen zusammen pünktlich zum Unterricht und haben dieselben Wünsche im Gepäck nach Deutschland gebracht: Sohn Mohanet und Vater Talai. Aber zum Deutschunterricht bringen sie beide etwas anderes mit; Mohanet (17) lernt wie andere Schüler mit Schulmaterialien und ggf. Handywörterbuch. Vater Talai (55) kommt bewusst ohne Stift und Block zum Unterricht, nutzt das Fernsehen zu Hause, um wie auch im Unterricht durch Hörverstehen frisch gehörte Vokabeln sofort zu benutzen.

Man geht oft von dem konventionellen Lernweg aus, den viele wie Mohanet auf sich nehmen. Doch dieser Prototyp von Weg ist genauso variabel wie Konfessionen im Vorkriegssyrien; er ist im Angebot von Seiten der BRD, aber nicht idealkompatibel mit jedem Repertoire eines individuellen Flüchtlingstalents.

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Viele ältere Menschen behaupten nämlich, dass Sie eine neue Sprache von Null auf nicht mehr so leicht lernen können und zunächst froh sind, überhaupt noch am Leben zu sein. Talai war Koch und sucht sowohl eine Arbeit als auch eine passende Wohnung für sich und seinen Sohn. Dafür ist die deutsche Sprache der Schlüssel, das weiß auch Talai. Er weiß es, weil Sprache nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt derselbe Schlüssel ist: Sprache. Doch bedeutet „Wertschätzung einer Sprache“, dass man jedem Buchstaben das Gefühl geben muss, er sei wichtig und verstanden? Talai möchte mehr dem Verschlüsseln und Entschlüsseln einer Sprache seine Aufmerksamkeit schenken; immerhin wirft jeder die Begriffe „Schlüssel“ und „Sprache“ in einen Topf.

Wie jedoch lernt er Deutsch? Woher kann er sich den Enthusiasmus borgen, um eine Sprache zu lernen, für die er einen Lernprozess angehen muss, der seinem Lebensstil seit Jahrzehnten nicht mehr entspricht? Seine Antwort lautet: „N24 und Fernsehserien. Einfach hören, zuhören und nachsprechen.“ Als Koch muss er gut hinhören, denn auf die Zutaten kommt es an. Welch‘ sind seine Zutaten für den Dessert des syrischen Bürgerkrieges: dem Erlernen der deutschen Sprache? Ob sein Lernmodell effektiv sein wird, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft zeigen. Aber eins lässt sich sagen: wir alle begegnen einem ganz besonderen Typus von Mensch, und zwar dem „Homo Pragmaticus“, der wider unseres Wissens nicht nur in Kriegen Steine aufheben und werfen, sondern genauso gut Worte aufgreifen und wiederverwenden können, bis daraus Großes entsteht. In Talai’s Fall wäre es ein leckeres Menü, gekocht mit den richtigen, aufgegriffenen Zutaten der deutschen Sprache. Wenn er dann im Unterricht auftaucht, ist Mohanet stets an seiner Seite.

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