Asyl in Mönchengladbach
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Kulturnacht im SKM 04. Juni 2016

„Düster bis unter die Haut“ – Interaktives, künstlerisches Nacherleben der Fluchtroute

Der Schatten eines Menschen weigert sich, wegzugehen. Ein roter Streifen auf dem Gehweg draußen führt von der Rheydter Innenstadt zur Waisenhausstraße 16, wo die Ausstellung „Between Borders“ ihren Anfang nimmt. Es beginnt mit einer blauen Karte, die jeder am Eingang erhält, bevor er den ersten Raum voller Gemälde betritt. Sie zeigen Menschen jenseits von Stacheldraht, geheimnisvolle Augen einer Wüstenbraut, oder zwischen Grenzen verrückt werdende menschliche Schatten unter der Sonne der Wüste. Der Schatten eines Menschen weigert sich, wegzugehen.

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Folgt man der roten Route auf dem Boden weiter, kommt man plötzlich in einen Flur, wo hinter einem Mundschutz die Stimme einer Person sagt: „Darf ich Ihre Karte sehen?“ Die blaue Karte wird gestempelt: „Abgelehnt“ und der Besucher mit all seiner Neugier wieder zurück zum Eingang geschickt. Zwischendurch beobachtet derselbe Besucher andere Personen, die problemlos „registriert“ und durchgelassen werden und fragt sich: „Wieso?“, bis ihm etwas Grünes, eine grüne Karte, in der Hand des anderen Besuchers, der durchgelassen wurde, ins Auge fällt. Wieder an der Tür, wieder in Libyen, wieder an der Ägäis, erfährt man, dass man aus einem DIN A4 Blatt ein Boot basteln müsse, um damit das Problem der nicht grüner werdenden blauen Karte zu umgehen und dennoch auf die andere Seite des Meeres zu gelangen. Das Boot steht, Routenänderung erfolgt. So geht es weiter, vorbei an Wänden mit Reklame für die griechische Insel Chios: „Der perfekte Urlaubsort für die Flucht aus dem Alltag – ‘Your perfect escape‘“ „Wären da nicht diese orangenen Flecken [von Schwimmwesten]“ einer anderen Flucht, heißt es weiter, bevor es in den dunklen Keller geht. In einem der dunklen Räume sitzt eine Dame auf einem Stuhl und schaut sich eine an die Wand projizierte Leidenschoreographie begleitet von einer lyrisch aufgearbeiteten Berichterstattung eines Fluchttraumas an. „Stellt euch vor, ihr würdet in See stechen und nicht mehr zurückkommen. Welche drei Dinge nehmt ihr mit?“ Nachdem viele Flüchtlinge ohne Stift dennoch „Tod, Ableben, Ende“ aufschrieben, eigentlich aber „die Dinge aufschreiben wollten, die ihnen am allerwichtigsten sind: Die Menschen die sie liebten“.

Todeswesten, Gräber und Mundschutz – „Wo ist Beethovens Europa?“

7Raus aus dem Keller an die frische Luft. Der rote Weg auf dem Boden ist mit Texten versehen, die individuelle Schicksale aus der Erzählperspektive der Geflüchteten wiedergeben. Von einem Holzbalken hängen drei knallorange Schwimmwesten eine neben der anderen vertikal an einem dünnen Seil runter – wie Tote. An den zwei Gartenmauern links und rechts hängen weitere orangefarbene „Oberkörper“ Haken; sie hängen dort wie Todeswesten, die das Überleben garantieren, ja sogar Leben retten sollen. Hinter ihnen bildet ein horizontal zwischen den Hofmauern befestigter Holzbanken und ein großer Baum zehn Meter weiter im Horizont ein Kreuz, das einen fragen lässt, „ob es ein Segen ist, dass man das tiefe Meer lebend überquert habe oder das Schlimmste noch ‘kreuzartig‘ bevorsteht“. Alles stets mit Text versehen, um zu verstehen, was sich dahinter verbirgt. Warum werden sie hier Todeswesten genannt?

Todeswesten, weil man sie zwischen „Souvenirs, 6Elektrogeräten und Gemüse“ für 30 Euro kaufen kann. Todeswesten, weil sie gefüllt mit billigem Schaumstoff und Verpackungsmaterial sich in die Tiefe saugen ohne leichtes Styropor und Auftriebshilfe. 30 Euro aber auch für ein Fährticket und 30 Minuten, bis man ohne Tod auf der anderen Seite ankommt. Der Tod in der Weste. Auf dem Boden, an dem der rote Faden kurz einen Halt macht, steht: „Eine Frau watete durch hüfthohes Wasser und trug ihr Baby auf dem Rücken geschnürt. Irgendwann bemerkte sie, dass ihr Kind nicht mehr lebte.“ An einem der Tore zum nächsten Ausstellungsabschnitt sitzt jemand in Uniform und Mundschutz und schickt den durch die Ausstellung reisenden Besucher zurück auf eine Sitzbank. Auf der Bank sieht er unausweichlich zwei Meter vor sich einen Friedhof, anonym, kahl und grau mit Gedenkkerzen, die das Einzige sind, was das Mittelmeer nicht ganz erloschen hat und gerade noch so brennen. In diesem Moment versteht er die Worte des geflüchteten albanischen Künstlers, welcher schreibt, dass das Bild von Europa oft eine „Fassade [ist] von etwas, das sich geändert hat, das verdorben und voller Probleme und Lügen ist. Wo ist Beethovens Europa?“



INFO: Wer sind die Künstler?

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Tabea Pippke (links) und Sophia Firgau, fotografiert von Bernd Erben bei der Finissage am 05. Juni 2016

Wer sind die Künstler, die es geschafft haben, ohne Schleuser, bis unter die Haut der Besucher zu gelangen? Die beiden Kulturpädagoginnen Tabea Pippke (24) und Sophia Firgau (22) kamen beide durch den „Mosaik Hilfskonvoi“ an die Grenzen in Frankreich, Slowenien und Griechenland, wo sie die schwierigen Umstände der flüchtenden Menschen in „fremden“ Ländern unmittelbar erlebten. An der slowenisch-kroatischen Grenze bereiteten sie beispielsweise Lebensmittelpakete zu, sortierten Klamotten, kauften Schuhe und Jacken, sprachen mit den Flüchtenden auf den Gleisen, die dort warten mussten und, so Tabea, teilweise Polizeigewalt oder Wasserverweigerung durch Grenzer erlitten. Viele Beiträge für die Ausstellung sind innerhalb eines Kreativworkshops erarbeitet worden, denn die Begegnungen mit jenen Schicksalen führten beide Künstlerinnen Anfang 2016 weiter zu einem Kreativworkshop, bei dem freitags parallel zum Café Welcome im SKM Rheydt Menschen aller Altersgruppen mit und ohne Fluchterfahrung malen, Collagen basteln, trommeln, sprayen, Theater und Installationen gestalten und dabei Sprachbarrieren problemlos überbrückten.

„Mit dieser Ausstellung wollten wir

die deutsche Mehrheitsgesellschaft ansprechen“,

so die 24-jährige Tabea Pippke.



Beim zweiten Versuch wird er registriert und zu den anderen Wartenden in die Schlange durchgelassen. Nach einigen Minuten Wartezeit stehen ihm zwei Grenzer gegenüber, ein Mann und eine Frau. Wer von den beiden wann spricht, ist überhaupt nicht einschätzbar. Sie stellen Fragen. „Woher kommst du?“ „Wie heißen deine Eltern?“ „Welcher Religion gehörst du an?“5 Hinter ihrem Mundschutz und einer Cappy erkennt man nichts. Anonym stehen sie vor mir und ich hinter der unbeständigen Nacktheit meiner persönlichen Daten. Ein anderer wird gefragt: „Womit hast du deinen Lebensunterhalt verdient?“ „Rauchst du?“ – „Ja, warum?“ – „Zeige mir bitte dein Feuerzeug.“ Der Grenzer schaut es sich genau an, denn es könnte ja Sprengstoff enthalten. So mancher gerät hier bereits an seine Grenzen und begreift spätestens jetzt den Zweck dieser Ausstellung. „Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?“, heißt es in dem Lied „Grenzen“ von Dota Kehr. Unsichere, angespannte, nahezu aggressiv werdende Besucher wollen nur noch durch die Kontrolle zur nächsten Station. „Alle in eine Reihe!“, ruft einer der Grenzer. Einige der Besucher „spielen mit“ und geben sich nicht als Mönchengladbacher Kulturinteressenten sondern als muslimische syrische Geflüchtete aus, um diese ganz spezielle „Grenzerfahrung“ zu machen. Als plötzlich jemand mit einer grünen Karte sofort ohne Befragung an allen anderen vorbei durchgehen darf und nach dem Stempel sogar noch ein nettes „Willkommen, bitte schön“ als Antwort bekommt, geraten die wartenden Besucher mit der blauen Karte an ihre „Obergrenzen“. „Das ist doch hinsichtlich des Datenschutzes fraglich, was die hier machen.“ Dennoch geben sie alles preis, obwohl ein unwohles Gefühl sie umgibt, und kriegen am Ende dafür nicht einmal ein freundliches Gesicht als Dank. „Gehen Sie bitte weiter, und zwar der roten Linie entlang.“ Wer es geschafft hat, gelangt in den langen Flur mit verschiedensten Werken, einer Notiztafel und –wand mit den am häufigsten vorkommenden Sicherheitsfragen sowie banalen Kontrollfragen, arabischen Dokumenten auf einem Tisch. Eine Installation namens „Fünf Strahlen“, die die fünf Kontinente repräsentieren und durch einen roten Energiestrahl vor einer Linse hängen, die für „mitarbeiten, mithelfen und kommunizieren“ stehen.  An der Wand im Flur hängen Bilder einer Flüchtlingsunterkunft aus Mönchengladbach Neuwerk und neben diesen sind zahlreiche Kommentare und Meinungen der Anwohner, die niedergeschrieben wurden, zu lesen. Eine nachgebaute Flüchtlingsunterkunft mit Hochbetten, Laken, Müllsäcken, einem Interview der Migrationsbeauftragten Aydan Özoğuz im laufenden TV, vor dem einige junge Besucher sitzen. Umgeben sind sie von der Gedankenwelt eines Flüchtlingsheimalltags: „Es ist immer immer das Gleiche – aufstehen, Kaffee trinken, putzen und aufräumen, 3 Stunden Handy aufladen, Mittag essen kochen, schlafen, 3 Stunden Handy aufladen, Abendessen kochen, 3 Stunden Handy aufladen. Ich darf nicht mal mein eigenes Bettlaken benutzen.“ „Gebt mir einen Pass, wo ‘Erdenbewohner‘ drinsteht. Einfach nur Erdenbewohner. Sagt mir bitte, wohin man da geht.“ Gästebuch: „Ich muss was in meinem Denken und Handeln ändern.“

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Sophia Firgau am Strickwerk mit Teilnehmern des Kreativworkshops

Bevor es in den letzten Ausstellungsraum geht, muss der Besucher kurz an dem Feedback-Tisch vorbei. Wenn auch kein Grenzer hier auf die Besucher wartet, sind es die Besucher selbst, die ihre Stempel in das Gästebuch eintragen können. Haben Sie die Ausstellung lediglich „registriert“, „abgelehnt“ oder vielleicht sogar „geduldet“? Müssen sie dafür auf ihre Karte schauen und sich ihre Reise wieder vor Augen führen, um nachvollziehen zu können, ob der Stempel auf ihrer Karte ihr Erlebnis, das sie ins Gästebuch schreiben möchten, wiedergibt? Am Ende der Ausstellung erwartet die Besucher eine Tischgesellschaft, wo sie essen und trinken und dabei andere Kunstwerke des Kreativworkshops bestaunen oder mit anderen ins Gespräch kommen können. Mit darunter ist ein sofort auffallendes großes Strickwerk mit persischer Unterschrift: „Was ist das Leben? Das Leben ist wie zusammengestrickt. Wichtig ist nicht, wie die Zeit vergeht. Wichtig ist, wie man sich sein Leben strickt.“ Auch eine Collage mit Wünschen und Träumen („Hopes, Dreams and Wishes – The Art Project with Refugees and Students“) von 30 Workshop-Teilnehmern, darunter Geflüchtete und Studierende, auf der „der Wunsch, eine Wohnung zu finden, das geheimnisvolle Lachen von Kindern oder der Traum, Musik zu machen, zu reisen und ein Unternehmen zu gründen“, Ausdruck finden. Sind die Besucher nur aufgebrochen, irgendwo dazwischen geblieben oder letztendlich auch angekommen? Eine Hinterlassenschaft des Nachfühlens der Flucht bleibt im Gästebuch zurück, wo mehrere Besucher schreiben: „Ich muss was in meinem Denken und Handeln ändern. Ich will mich engagieren.“ Und bei diesen Worten wird man unweigerlich an die Ausstellungsstrecke mit dem Titel „Dazwischen“ erinnert, bei der eine geflüchtete Flüchtende namens Alev Tekinay, eine Frau, die aus der Türkei nach Deutschland emigrierte, folgende Buchstaben zusammenwarf: „Ich ändere mich und bleibe doch gleich.“ Ob sich tatsächlich auch etwas in manchen Besuchern ändern wird, bleibt offen. Ob und wann es eine Wiederholung der Ausstellung geben wird, können Sie im Blog der Website „Asyl in Mönchengladbach“ verfolgen.

Asyl in Mönchengladbach ist ein Projekt des SKM Rheydt e.V. in Zusammenarbeit mit Mönchengladbacher Bürgerinnen und Bürgern. Gemeinsam möchten wir Mönchengladbach zu einem besseren Ort für Flüchtlinge machen. © 2015. Alle Rechte vorbehalten.

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