Asyl in Mönchengladbach
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Blackbox Abschiebung – Eine aufweckende multimediale Lesung

Nach in abwechselnder Sequenz stattfindenden Konzertauftritten von der Soul/Pop/Klassik-Band OHANA, einer poetisch-musikalischen Choreographie mit dem Titel „Seltsame Pflanzen [mit mehreren oder keinen Wurzeln inmitten aller anderen Pflanzen mit nur einer Wurzel]“ sowie einem Geigen-Solo von Ando Alushaj vor dem Hintergrund der Bilderreihe „Teddy’s Smile“, die, von Ibraldo Aliraj gemalt, im ersten Raum der Ausstellung zu sehen waren.

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Ando Alushaj spielt ein melancholisches Solo vor dem Hintergrund des von Ibraldo Aliraj gemalten Gemäldes: „Wo ist Beethovens Europa?“
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Die Soul/Pop/Klassik-Band OHANA
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Poetisch-musikalische Choreographie „Seltsame Pflanzen

Trotz des langen Tages der Interaktion durch die Ausstellung „Between Borders“ und weiteren oben genannten künstlerischen Darbietungen findet sich im Vortragsraum immer noch genug Publikum zusammen, um einer multimedialen, also audiovisuellen, Lesung zu lauschen. Um 22 Uhr beginnt dann die Lesung des Autors Miltiadis Oulios, dessen Buch eine Art Vorreiter in der Aufklärung über die Abschiebungspolitik Deutschlands ist. Das Buch heißt „Blackbox: Abschiebung“. Blackbox, weil die Öffentlichkeit das Thema „Abschiebung“ zu scheuen scheint, sodass „Abschiebung die Leiche im Keller unserer Integrationspolitik ist“, so Oulios.

Es werden wichtige Erkenntnisse aus dem Buch präsentiert und durch Interviews mit Abgeschobenen in Form von Videobeiträgen ausgeschmückt. Ein permanent anhaltender Aha-Effekt überkommt die Zuschauer, als der Autor Daten und Fakten über ein längst fälliges, aber kaum diskutiertes Thema verrät. Wussten Sie, dass im Gegensatz zu Österreich Menschen in Deutschland ihre Abschiebung selbst bezahlen müssen? Dass auch Studenten abgeschoben werden können?

 

26Abgeschobene, so Oulios, haben wenig Bezug zu Ihrem Heimatland, oft entspricht die Heimat auf dem Papier nicht der Heimat in der Realität. Wer hat gewusst, dass das größte Abschiebegefängnis gleich um die Ecke in Büren ist und ein Insasse maximal 250 EUR auf dem Sparbuch ansparen darf. Jeder weitere Tag im Abschiebegefängnis kostet 350 EUR und lässt einen großen Schuldenberg entstehen, auf Grund dessen ( hohe Schulden an den deutschen Staat) die Unmöglichkeit einer legalen Einreise für alle Zukunft sichergestellt wird.

In den Videobeiträgen sieht man einen Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der nach Deutschland abgeschoben wurde oder beispielsweise zwei junge Roma-Männer, die nach ihrer Abschiebung in eine armen Dorf in Albanien erklären, dass sie Deutschland nicht verstehen und wütend sind, weil sie jetzt in totaler Armut leben und weil es vor allem für ihren kleinen taubstummen Bruder ungerecht sei. Sie sprechen sehr gutes, klares Deutsch, weil sie ihre Kindheit, Jugend und Schulbildung in Deutschland erfahren haben. Ein Iraner, der sich wie alle Menschen für seine Freiheit kämpfend gegen die Abschiebung gewandt hat, unterstreicht: „Ich glaube, dass Grenzen gemacht wurden, um sie zu überwinden. 7 Milliarden Menschen haben sich nicht ausgesucht, all diese Grenzen zu ziehen.“ Als in einem der Votragsvideos eine interviewtes junges Mädchen sagt: „Warum soll ich der Ausländerbehörde helfen, mich abzuschieben, also kooperieren? Natürlich reagiere ich nicht. Ich habe eine Ausbildungsplatz und führe ein anständiges Leben.“ Das Videoprogramm lässt die Zuschauer immer wieder Aufmerksamkeit fürs weitere Zuhören tanken.

Was der Staat in diesen Fällen leistet, sei nur Menschlichkeit und nicht mehr. Wer ist Bürger? Denn Mensch-sein reicht nicht immer wie auch schon Bertolt Brecht sagte:

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen.
Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch.
Ein Mensch kann überall zustandekommen,
auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals.
Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist,
während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

Morgens in der Frühe werden Familien im Dunkeln abgeholt und mitgenommen. Das internationale Recht besage, dass jeder Mensch das Recht auf Auswanderung hat. Komischerweise nicht gleichzeitig auch auf Einwanderung. Wie diese Rechnung aufgehen soll, verstehen viele nun anhand der Abschiebungspolitik. Gibt es ein vorläufig gefährliches Kriegsgebiet, in dem interne Spannungen herrschen, die die Menschen zur Flucht bewegen, wird die Abschiebung durch den Begriff des „Subsidiären Schutzes“ weiter legitim aufrechterhalten.

Dabei seien doch die Auswanderer von VOX die Helden vieler von uns, doch wenn wir schon auswandern cooler finden als einwandern, sind dann unsere Auswandererhelden nicht auch Einwanderer in dem Land, in das sie auswandern? Sollten sie abgeschoben werden? Ein klares Statement: „Im mobilsten Zeitalter wird Immobilität aufgedrückt!“ Zwei trennungen sei maßgeblich: die Trennung zwischen Menschen- und Bürgerrechten sowie die Trennung von humanitärer und politischer Pflicht. Dabei sollte ja nach dem Siegeszug der Freiheit das Versprechen, das man den Menschen machte, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ein besseres Leben zu finden, erfüllt werden. Doch stattdessen, führt der Autor fort, wurden Menschen, die sehnsüchtig in den zwanglosen Westen der Freiheit einwanderten, „in Institutionen eingezwungen“.  Augenscheinlich, so hört man es aus dem Vortrag und dem Buch raus, eine Peinigung des Vertrauens, das man einst im Ostblock in die westlichen Versprechen von Freiheit gelegt hatte.

Die Autonomie des Wanderns  reibt sich also an der Abschiebungspolitik des Staates, und was im Laufe der Zeit an Lösungsvorschlägen zusammengekommen ist, sei der Versuch eines „Weltbürger-Seins“, eines kosmopolitischen Transborder-Bewusstseins, mit dem man selber entscheidet, wo man leben will. Dieses Experiment laufe noch. Bislang jedoch sind die kosmopolitischen Menschen die Nicht-Privilegierten, weil sie noch keine (Staats)Bürger sind.

Doch warum werden Menschen überhaupt aufgenommen, wenn sie nach 30 Jahren wieder abgeschoben werden? Für die Statistik? Vielleicht geschieht es auch, damit der Staat in einer gewissermaßen gesund-notwendigen Frequenz seine Macht demonstrieren kann, um als solcher wahrgenommen zu werden.

Im Anschluß an die mit unerwarteten Infos überraschende Lesung, die insbesondere durch die Videobeiträge auch bis nach 23 Uhr nicht langweilig wurde, konnten das Publikum sogar noch Fragen stellen und mitdiskutieren. Die Atmosphäre des Austausches lockerte Schließlich mussten die Zuhörer und Zuschauer mit vielen Antworten auf noch viel mehr Fragen nach Hause gehen – doch mit der Gewissheit, dass am Sonntag Morgen keine Polizei im Dunkeln zur Abholung vor der Tür steht. Vielleicht aber nebenan bei jemandem, der einst nach Rheydt flüchtete.

 

 

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