Asyl in Mönchengladbach
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Asylberechtigter in M’Gladbach plant Promotion

Wer sind die Akademiker unter den Geflüchteten in Mönchengladbach?

Wie verbringen Sie ihre Zeit in dieser Stadt und was planen sie für die Zukunft?

Welches Motivationspotenzial birgt MG für Asylberechtigte mit Hochschulabschluss?

Welche Anziehungskraft hat der Campus sowie die neue Bibliothek der HS Niederrhein für diese Personen?

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Durch die Begegnung mit dem Asylbewerber Serbest Sheikhmous, der eine Promotion in Mönchengladbach plant, entstand an der neuen Bibliothek der Hochschule Niederrhein ein Interview über Mönchengladbachs Motivationspotenzial Asylberechtigte mit Hochschulabschluss und die Attraktivität des Campus HS Niederrhein. Das Interview wurde auf Deutsch geführt.

Asyl in MG: Hallo Serbest, wir freuen uns, dich kennenzulernen. Es ist etwas spontan zusammengekommen, doch dadurch ist es umso spannender. Für den Newsletter des SKM Rheydt (Asyl in Mönchengladbach) möchten wir gerne erfahren, wie du als Akademiker deinen Alltag in Mönchengladbach gestaltest und deine nächsten Lebensschritte in Mönchengladbach planst. Wie lange bist du schon in Deutschland und woher genau kommst du?

Serbest Sheikhmous: Hallo, ich freue mich auch, dich kennenzulernen und ich bedanke mich bei dir für dieses Interview. Ich möchte erst mich kurz vorstellen. Ich komme aus Syrien, aus Qamischli, eine Stadt im Norden Syriens. Ich bin 30 Jahre alt, noch ledig und kinderlos. Ich wohne in Viersen. Seit fast anderthalb Jahren bin ich in Deutschland, und zwar von Anfang an in Viersen.

 

Asyl in MG: Was hast du vorher beruflich gemacht und was möchtest du nun in Deutschland am liebsten machen – jetzt im Moment und in der Zukunft?

Serbest Sheikhmous: In Syrien habe ich studiert und einen Abschluss in Chemie gemacht. Dann habe ich einen Masterabschluss in Organische Chemie in der Türkei gemacht und habe dort mit dem Doktor-Programm angefangen. Aber nach einem Semester musste ich abbrechen, weil die Situation in der Türkei für mich nicht mehr so einfach war und die Hilfe meiner Familie aus Syrien wegen des Krieges weniger wurde. Deswegen musste ich leider mein Studium beenden.

Ich bin oft hier in der Bibliothek, weil ich Deutsch lernen muss. Ich kann nicht zu Hause lernen, weil ich mich in der Bibliothek daran gewöhnt habe. Ich muss sehr gut Deutsch sprechen: nicht nur, um mit den Leuten zu reden, sondern auch für mein Studium. Ich lerne auch andere Dinge wie Chemie usw. Ich möchte am liebsten meine Doktorarbeit schreiben und dann einen guten Beruf haben.

 

Asyl in MG: Glaubst du, dass es in Mönchengladbach für deine Pläne viele Möglichkeiten gibt? Im Allgemeinen, was motiviert dich und was ist negativ für dich und deine Pläne in Deutschland?

Serbest Sheikhmous: Es gibt viele Möglichkeiten in Mönchengladbach, z.B. besuche ich im Moment einen Deutschkurs in der Hochschule Niederrhein Mönchengladbach, und das ist sehr gut und hilft viel.

Negativ? Es ist ein bisschen schwer, ein neues Leben und neue Pläne aufzubauen. Es ist nicht so einfach, wenn man in ein neues Land kommt, und man fängt von null an, aber was soll ich machen, ich muss wieder aufstehen und kämpfen. Wie immer…

 

Asyl in MG: Wie sieht ein ganz normaler Tag bei dir aus?

Serbest Sheikhmous: Am Morgen fahre ich zum DAF (Deutsch als Fremdsprache) C1 in der Hochschule Niederrhein von 9 Uhr bis 15:30 Uhr. Dann esse ich Mittagessen, danach gehe ich in die Bibliothek bis fünf, manchmal sieben Uhr. Dann fahre ich wieder nach Hause.

Am Morgen möchte ich nur Kaffee trinken, noch nicht frühstücken, das ist nicht gesund, aber leider kann ich nicht frühstücken. Meinen Nescafé trinke ich schwarz; das heißt Cowboy-Kaffee, wenn es ohne Zucker oder Milch ist.

 

Asyl in MG: Was gefällt dir an der neuen Bibliothek der Hochschule Niederrhein? Welchen direkten Unterschied siehst du zu einer Bibliothek in Syrien?

Serbest Sheikhmous: Es gibt viele gute Sachen hier, viele gute Bücher über Chemie, auch auf Englisch, und Bücher zum Sprachenlernen wie z.B. Türkisch, Englisch, Französisch etc. Ich spreche auch Türkisch, weil ich fast vier Jahre meinen Master in der Türkei auf Türkisch gemacht habe. Türkisch habe ich in einem Jahr in einem Kurs gelernt. Und man kann hier die Computer benutzen, das ist auch gut für mich.

In Syrien hatten wir an meiner Universität nicht viele Bücher oder Computer, Internet usw. Es gibt nicht viel Geld für die Bibliotheken. Es gibt Buchhandlungen in der Universität, aber dort muss man die Bücher kaufen, und das ist sehr teuer für einen Student. Die Studenten können nicht alle Bücher, die sie möchten, kaufen.

Viele bleiben zum Lernen also lieber zu Hause. In Damaskus weiß ich nicht, wie es ist. In der Türkei ist es auch gut; es gibt auch viele Bücher in verschiedenen Sprachen aber nicht immer so viele Studenten, die lernen.

In Deutschland, also in Mönchengladbach, gibt es viele Leute, die lernen und nicht so viel reden, sondern immer nur lernen. Das finde ich gut, und das ist wichtig für mich. In der Türkei z.B. wird oft in der Bibliothek gesprochen; Paare, die reden oder streiten und so stören. Das gefällt mir nicht. Wenn alle lernen, muss ich und möchte ich natürlich auch lernen. Das motiviert.

 

Asyl in MG: Was hättest du getan, wenn der Krieg nicht angefangen hätte? Wolltest du schon vor dem Krieg wegen deiner Karriere nach Europa oder Amerika gehen?

Serbest Sheikhmous: Ich hätte wieder das gemacht, was ich gemacht habe. Eigentlich möchte ich zurück nach Syrien und da leben. Ich wollte aber einen Master machen – aber in Europa, nicht in der Türkei, weil in Europa das die Ausbildung viel besser ist als in der Türkei, doch als der Krieg anfing, hatte ich meinen Bachelor gemacht und musste für meinen Master in die Türkei gehen. Mein Wunsch war aber Europa. Wenn man viel Geld hat, kann man von Syrien nach Europa zum Studieren fahren, aber mit Stipendien oder Unterstützung ist es schwieriger in Syrien, denn vielleicht brauchen sie in Europa keine arabischen Personen.

Wenn wir in der Türkei etwas für unser Chemie-Studium oder unser Labor brauchten, haben wir immer deutsche Sachen gekauft. Die sind am besten. Deswegen ist Deutschland gut für mich. Nicht nur Deutschland, auch Österreich oder Schweden, aber Deutschland ist am besten. Für Chemie. Und Organische Chemie speziell.

 

Asyl in MG: Du möchtest gerne in deine Heimatstadt zurück, aber wie möchtest du deinen Doktor machen, wenn es dort keine guten Möglichkeiten dafür gibt?

Serbest Sheikhmous: Auf jeden Fall ja, aber nach meinem Doktor und natürlich nach dem Krieg.

 

Asyl in MG: Und wenn du eine gute Arbeit findest?

Serbest Sheikhmous: Nein, ich glaube, es ist besser für mich, zu helfen. Ich möchte zurück nach Syrien und dort helfen. Hier ist es gut und vielleicht gibt es auch viel Geld, ich weiß es nicht, aber Geld ist nicht immer wichtig. Wenn ich nach Syrien gehe, ist die Sprache Kurdisch und Arabisch. Das ist besser für mich: Sprache. Ich kann zwar gut Deutsch, aber auf Kurdisch (Muttersprache) und Arabisch kann ich die Dinge besser erklären. Aber ich habe ein Problem mit Ideologie; in Deutschland ist es besser von der Ideologie her, Religion usw. Hier kann ich freier leben, und das war mein großes Problem in Syrien.

 

Asyl in MG: Kennst du andere Menschen, die jetzt aus Syrien gekommen sind und auch wie du studiert haben oder weiter studieren wollen?

Serbest Sheikhmous: Ich denke, ungefähr 40% von den Menschen aus Syrien in Deutschland möchten studieren, nicht so viele, vielleicht, weil sie schon alt sind, oder sie haben in Syrien ihr Studium abgeschlossen und möchten hier arbeiten, nicht weiterstudieren (Master usw.).

 

Asyl in MG: Gibt es etwas, was du noch sagen möchtest?

Serbest Sheikhmous: Mein Leben in Deutschland ist ziemlich gut, nicht 100% gut, weil es viele Sachen gibt, die mir nicht gefallen, aber man braucht nicht darüber zu sprechen. Aber allgemein ist alles in Ordnung,  ich denke immer an meine Heimat, an meine Familie, an alle Syrer, die in Syrien oder vor Griechenland im Meer sterben. Das bringt mich sehr zum Nachdenken und ich kann mich nicht immer konzentrieren, wenn ich lerne. Ich denke immer an meine Heimat; das ist schwer für mich, aber im Moment ist alles gut ohne viele Probleme. Ich wollte mehr erzählen, aber mein Deutsch ist nicht genug, um alle meine Ideen zu erklären.

 

Asyl in MG: Vielen Dank für deine Zeit. Wir wünschen dir für deine Promotion und deinen Alltag in Mönchengladbach und in der Bibliothek alles Beste. Wir freuen uns, dich bei einer unserer Veranstaltungen, zu denen du natürlich gerne eingeladen bist, wiederzusehen.

Serbest Sheikhmous: Ich danke auch.

 

 

 

 

 

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